In unserem aktuellen Kurzinterview erzählt uns Anna von der Pflegeberatung 'Junge Pflegende Angehörige', wie sie mit dem Thema Pflege in Berührung kam und was ihre Motivation war, die Beratung zu gründen. Sie kennt beide Seiten, die Seite von pflegenden Angehörigen, aber auch das Gesundheitswesen.

miCARE: Was war deine Motivation, Junge Pflegende Angehörige zu gründen?
Anna Kaltenbach: Ich bin seit vielen Jahren für den Papierkram meiner Großeltern zuständig, weil das meiner Mutter neben der Pflege einfach zu viel ist. Ich habe mich immer ganz gut dabei gefühlt, bis es meiner Oma letztes Jahr plötzlich schlechter ging. Wir haben dann kurzfristig eine ambulante Palliativbetreuung benötigt. Die Sozialarbeiterin war ganz begeistert davon, wie meine Großmutter (finanziell) versorgt war und hat uns noch den Tipp der Verhinderungspflege gegeben. Davon hatte ich ehrlich noch nie etwas gehört und das hat mich nachdenklich gestimmt. Wie kann das sein, dass mir so eine wichtige Leistung noch nie untergekommen ist? Ich bin doch vom Fach und seit über 10 Jahren in der Pflege tätig... und so habe ich überlegt, wie überfordert pflegende Angehörige wohl sein müssen, die noch nie etwas mit Pflege zu tun hatten. Diesen Menschen, die schon so viel leisten und denen so viel abverlangt wird, wollte ich gerne helfen und sie unterstützen – so kam die Idee zu 'Junge Pflegende Angehörige' auf.

miCARE: Was zeichnet dich aus? Wie hilfst du anderen?
Anna Kaltenbach: Ich kenne tatsächlich beide Seiten, die Seite von pflegenden Angehörigen, aber auch das Gesundheitswesen. Ich bin Gesundheits- und Krankenpflegerin und Pflegewissenschaftlerin und konnte in den letzten 11 Jahren Berufstätigkeit viel mitbekommen, wenn es darum geht: wie funktionieren Leistungen der Pflegekasse, wie beantrage ich diese und was mach ich, wenn das Ergebnis anders ist, als erhofft? Dieses Fachwissen habe ich in ein Beratungsangebot für pflegende Angehörige gepackt und begleite diese nun, auf dem Weg von der Anna Kaltenbach: Beratung zur Antragsstellung bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Leistungen gewährt werden – wenn es sein muss, auch bis zum Widerspruch. Jede/r Pflegebedürftige sollte das Optimale aus dem ihm zur Verfügung stehenden Leistungen herausholen können – immerhin ist die Pflege schon so teuer und kräftezehrend genug.

miCARE: Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf deinen Alltag?
Anna Kaltenbach: Tatsächlich einen sehr gemischten. Privat treffe ich mich sehr wenig mit Freunden und Familie, meine liebsten Hobbys – Konzerte und Festivals – sind seit 2 Jahren quasi kaum noch vorhanden, und es ist sehr kräftezehrend. Beruflich ist der Einfluss dagegen deutlich kleiner, ich führe die Beratungen telefonisch oder digital durch, sodass ein persönlicher Kontakt nicht zwingend notwendig ist. Das ist großartig, über meinen Instagram-Account (@jungepflegendeangehoerige) erreiche ich auch viel mehr junge Menschen, die Angehörige pflegen.

miCARE: Welche Rahmenbedingungen sollten sich allgemein ändern, um den Pflegealltag zu erleichtern?
Anna Kaltenbach: Ich glaube, da gibt es eine ganze Menge, das sich ändern muss, um den Alltag zu erleichtern – von einer Zusammenlegung der Krankenkassen und Pflegekassen über angemessene Löhne und Arbeitsbedingungen für professionelle Pflegende, Lohnersatzleistungen für pflegende Angehörige bis zu einer Erneuerung der Finanzierung im Gesundheitswesen ist da alles dabei. Wichtig ist daher, die eigenen Interessen immer wieder zu vertreten und anzubringen – vor allem in der Politik. Ich weiß, das ist neben Job, Pflege und Leben nicht immer einfach, aber super wichtig, wenn sich (langfristig) etwas im Gesundheitswesen ändern soll.

 

Die Interview-Fragen stellte Lisa Rolf (miCARE)

 

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