Über Instagram sind wir auf Oma Anna und Enkelin Adina aufmerksam geworden – die beiden sind das Dreamteam von @dein_erinnerungsfilm. In einem Online-Interview durften wir Adina ein paar Fragen zur Pflege ihrer Oma als auch zu der Idee von 'Dein Erinnerungsfilm' stellen. Da Oma Anna nicht live dabei sein konnte, brachte Adina einen Papp-Aufsteller ihrer Oma mit, den sie für die Kino-Premiere hat anfertigen lassen.

miCARE: Was waren deine ersten Berührungspunkte mit der Pflege?
Adina: Es war so, dass meine Oma im Januar 2020 mit 84 Jahren gestürzt ist und deshalb mit einem Oberschenkelhalsbruch ins Krankenhaus kam, was schon fast ein halbes Todesurteil in diesem Alter ist.  Ich habe dann für mich beschlossen, dass wir das auf jeden Fall hinbekommen und sie wieder gesund wird. Ich bin da immer recht positiv. Als Oma dann ins Krankenhaus kam, war es schon sehr schwer, sie so hilflos zu sehen. Im Anschluss daran habe ich mir dann geschworen: „Ich mache Oma wieder fit und bringe sie wieder auf den Damm!“. Ich bin dann wieder zurück nach Spaichingen gezogen, wo meine Oma zusammen mit meinem Papa wohnt. Vorher haben mein Ehemann Arne und ich im circa 40 bis 45 Kilometer entfernten Horb gewohnt. Um meine Oma wieder auf den Damm zu bringen, habe ich mir dann ganz viel überlegt und einen Tagesplan sowie Affirmationen erarbeitet. Das war so ziemlich mein erster Berührungspunkt mit der Pflege.

miCARE: Und welche Aufgaben bzw. Rolle übernimmst du bei der Pflege deiner Oma?
Adina: Man muss dazu sagen, dass 2018 meine Mutter an Krebs verstorben ist. Unter anderen Umständen hätte wahrscheinlich eher sie die Pflege meiner Oma übernommen. Aber auch da hatte ich vorher nie einen Berührungspunkt mit der Pflege, da ich ihr eher seelischen Beistand geleistet habe.
Nach dem Krankenhausaufenthalt meiner Oma war ich 40 Tage bei ihr und habe mich um sie gekümmert. Kurz darauf kam noch eine Lungenentzündung dazu, weshalb sie wieder ins Krankenhaus musste. Nach einem erneuten Aufenthalt zuhause kam es dann zu einer Lungenembolie, die meine Oma nur ganz knapp überlebte. Die Ärzte rieten mir vor der Intensivstation dazu, mich von ihr zu verabschieden, da sie das Ganze vermutlich nicht überleben würde.
Glücklicherweise hat sie auch diesen Rückschlag überstanden. In dieser Zeit habe ich die komplette Pflege übernommen. Das heißt ich bin mit ihr zur Toilette gegangen, habe ihr Essen gemacht und sonst auch alles, was dazu gehört. Mein Papa hat mich ebenfalls unterstützt, aber zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht den Zugang zum Thema Pflege. Im Prinzip habe ich wirklich alles übernommen – beispielsweise das Stellen der Anträge für die Pflegestufe etc. Die meisten Informationen habe ich mir dann auch im Internet ergoogelt und mich selbst schlau gemacht. Wir haben darüber hinaus einen sehr guten Kollegen aus Bremen, der einen Pflegedienst hat. Auch von ihm konnte ich mir gute Tipps und Informationen einholen. Ohne die Unterstützung von Arne hätte ich das alles nicht so geschafft. Er hat das Business am Laufen gehalten und ich war 24/7 bei meiner Oma. Aktuell fahren wir alle zwei Wochen, wenn es geht auch öfter, nach Spaichingen. Mein Papa ist mittlerweile sehr gut in die Rolle des Pflegenden reingewachsen. Da bin ich auch wirklich sehr stolz auf ihn, denn er ist nicht der Sohn meiner Oma, sondern der Schwiegersohn – also auch eine ungewöhnliche Konstellation.
Mittlerweile entlasten wir ihn aber, indem wir sie mal einen Tag zu uns nehmen, uns einen schönen Tag machen und einfach Spaß haben. Und ich mache dann auch noch so Sachen wie Rechnungen zu digitalisieren und in Exceltabellen abzulegen. Aber auch wenn neue Themen vom Pflegedienst reinkommen, wie 'Investitionskosten', wo ich mir auch nur denke: „Oh Gott, was läuft denn da schief?“, das regle ich dann. Aber die Pflege an sich übernimmt mein Papa mittlerweile.

miCARE: Wie kamt ihr auf die Idee, 'Dein Erinnerungsfilm' ins Leben zu rufen? Was ist eure Mission?
Adina: 'Dein Erinnerungsfilm' ist auf meine persönliche Geschichte zurückzuführen. Als Oma die drei harten Schicksalsschläge, den Oberschenkelhalsbruch, Lungenentzündung und -embolie, im Jahre 2020 hinnehmen musste, grenzte es schon an ein Wunder, dass sie überlebt hat. Dann begann mein Gedankenkarussell wieder, wie nach dem Tod meiner Mutter, als ich mich nicht traute, bei der Trauerfeier etwas zu sagen. Das machte ich mir hinterher zum Vorwurf und fragte mich, warum ich es mich nicht getraut habe. Ich habe mich dann mit dem Thema beschäftigt, als meine Oma auf der Intensivstation lag. Ich habe zu Arne gesagt, dass ich etwas brauche, was mich festhält, wenn meine Oma jetzt gehen muss. Und dann kam die Idee, einen Film über Omas Leben zu machen. Wir haben den Vorteil, dass wir selbst videografisch tätig sind. Uns hat die Idee nicht mehr losgelassen und wir sind dann in die Umsetzung gegangen, als Oma dann wieder daheim war. Als ich sie pflegte, haben ich sehr viel mit ihr gesprochen und konnte so viele Dinge über sie erfahren. Im Anschluss haben wir das Video dann umgesetzt. Gerade in der Zeit, in der meine Mutter starb, mussten wir Oma aus ihrem 'Loch' rausholen und haben viele Ausschnitte ihres Lebens mitgefilmt. So konnten wir mit vielen Schwarz-weiß-Bildern und den Videoausschnitten, ein Video von Omas Leben zusammenschneiden (Das Video finden Sie hier). Der Film sollte dann für mich sein, wenn Oma dann mal stirbt. Dieser soll dann auch auf der Trauerfeier laufen, da ich finde, dass so ein Film viel mehr Emotionen transportiert, als es ein Trauerredner schaffen könnte. Das ist mein O-Ton und der von meiner Oma, der auf dem Video zu hören ist. Das Video ist meine Sicherheit. Selbst wenn ich es nicht schaffe auf der Trauerfeier etwas zu sagen, oder aber wenn ich nur sage: „Film ab!“, dann sind das schon zwei Worte, die mehr sagen, als es ein Trauerredner könnte.

miCARE: Was ist dein Tipp für andere pflegende Angehörige, wie sie am besten Lebensmomente mit ihren Liebsten einfangen?
Adina: Also zum einen ist es immer die Frage, möchte das die Person überhaupt und möchte man das vor allem auch selber. Diese Frage muss man sich zunächst stellen. Ich persönlich finde das total wichtig, weil es Erinnerungsstücke sind, die mir persönlich viel geben und die mich auch aus einem emotionalen Tief rausholen können. Und dann würde ich mir die Momente bewusst machen. Ich unterteile die Momente immer in 'bewusst kreieren', das heißt, man muss etwas dafür tun, um die Momente bewusst herbeizuführen. Das können dann natürlich auch emotionale Momente sein. Das haben wir auch mit Omas Geburtstag gemacht, wo wir dann einen Filmer und Fotografen dabeihatten. Und dann gibt es aber auch eben Momente, die passieren einfach. Das kann man dann spontan mit der Handykamera oder mit einer professionellen Kamera mitfilmen. Aber heutzutage reicht da wirklich schon ein Smartphone, denn was die an Qualität liefern, das ist schon wirklich sehr gut! Man muss das Thema 'Erinnerungsfilm' natürlich auch nicht unbedingt an den Tod knüpfen. So ein Film kann auch eine nette Idee für den 40., 50. oder 60. Geburtstag sein.

miCARE: Magst du noch ein paar Sätze zu Aktion und Film #omahebtab sagen?
Adina: Oma hat am 25. August Geburtstag. Im März/April war es dann so, dass ich mir überlegt habe, dass ich meiner Oma etwas ganz Besonderes schenken möchte, etwas, das so richtig knallt. Da kam dann irgendwie die Idee, dass wir für Oma ein Flugzeugbanner steigen lassen. Da haben mich direkt alle doof angeschaut und gesagt: „Adina, jetzt knallen dir aber die Sicherungen komplett raus!“. Ich habe mich daraufhin erst mal informiert, was man tun kann und wie eben die Preise sind. Über Umwege haben wir dann jemanden gefunden, der das Ganze mit uns umsetzen würde. So ein Banner muss man dann natürlich auch erst drucken lassen, wobei wir einen vorgedruckten 'Herzlichen Glückwunsch'-Banner, den man mieten kann, mit einem selbsterstellten Banner kombiniert haben. Auf dem selbsterstellten Banner ist das Gesicht von meiner Oma mit dem Schriftzug ‘Dein Erinnerungsfilm‘ abgebildet. Das ist eine Kombination aus geschäftlich und privat, denn ohne Oma würde es 'Dein Erinnerungsfilm' nicht geben. Und das finde ich auch immer ganz wichtig dazuzusagen, denn es ist nun mal noch kein Geschäftsmodell – das wird es aber sicherlich irgendwann werden. Im Moment steht aber im Fokus, den Menschen ein Bewusstsein dafür zu geben, wie kurz die Zeit mit den Liebsten ist. Aber auch, wie wichtig es ist, die Momente bewusst zu genießen, zu kreieren und festzuhalten. Das sind unsere drei Schlagworte.
Im Endeffekt haben wir die Aktion dann umgesetzt. Ich habe aber schon fast selber gar nicht mehr daran geglaubt, dass das Flugzeug auch wirklich abhebt – alleine schon wegen der hohen Kosten, wo wir bei drei bis viertausend Euro lagen. Doch nach etlichen Telefonaten mit dem Piloten und viel Hin und Her ist das Flugzeug dann doch tatsächlich abgehoben. Wir haben uns zusätzlich noch ein kleines Rahmenprogramm überlegt. So hatten wir zwei Comedians und einen Filmer dabei. Auch ich habe etwas mitgefilmt, aber ich wollte mich schon bewusst in diesen Moment reinbegeben und nicht gleichzeitig noch etwas anderes machen. Zusätzlich hatten wir noch eine Fotografin dabei sowie die Nadine, die alles per Social Media begleitet hat. Das Ganze war so ein emotionaler Moment für uns und für Oma auch. Ich denke, sie hat das schon alles gesehen und auch mitbekommen. Es war einfach toll zu sehen, dass ich die Aktion hinbekommen habe, auch wenn alle gesagt haben, dass das eh nichts wird. Das hat mir wieder gezeigt, dass man manchmal einfach machen und den Leuten erklären muss, was genau man vorhat. Denn dann stehen auf einmal ganz viele Leute hinter einem und bieten ihre Unterstützung an. Es waren wirklich alle total begeistert. Auch als das Banner damals ankam, da haben wir es erst mal auf einer grünen Wiese ausgepackt. Der Geburtstag meiner Oma war einfach ein super toller Tag und wir sind unfassbar dankbar, dass wir das erleben und umsetzen konnten und durften. Die Bilder und Videos, das Rohmaterial, haben wir dann bekommen und haben es dann zu einem Video geschnitten, welches wir dann in einem kleinen, kommunalen Kino präsentiert haben. Es wurden dazu alle eingeladen, die an dem Tag des Bannerfluges dabei waren. Das war uns sehr wichtig, da die Fotografin und der Filmer uns unentgeltlich unterstützt haben. Im Großen und Ganzen hatten wir auch da nochmal einen tollen Filmerlebnistag, wo wir uns alle unterhalten und darüber austauschen konnten, wie wir den Aktionstag fanden und erlebt haben. So konnten wir einfach einen super schönen Abschluss finden.

miCARE: Habt ihr zukünftig vor, noch weitere Aktionen ins Leben zu rufen? Falls ja, wie finanziert ihr solche Projekte?
Adina: Sicherlich werden wir auch weiterhin verrückte Ideen haben, die wir umsetzen möchten. Aktuell steht jetzt allerdings noch kein neues Projekt an. Wir finanzieren das alles durch unser Hauptbusiness, aus unserer eigenen Tasche, oder dadurch, dass die Leute dazu aufgerufen werden, zu spenden. Bei 'Oma hebt ab' war es so, dass die Unterstützer quasi zum Flug 'einchecken' konnten, indem sie uns ein Bild zukommen ließen, welches wir als Polaroid-Foto gedruckt und auf das Flugzeug geklebt haben. So konnten die Menschen alle mitfliegen. Leider konnten Oma, Arne und ich nicht mitfliegen, da es da wohl Gewichtsbeschränkungen gibt. Aber wir hatten glücklicherweise auch Kameras an dem Flugzeug befestigt, sodass wir tolle und einmalige Aufnahmen machen konnten. Also wir finanzieren es wirklich zum Großteil aus der eigenen Tasche, weil es uns einfach wert ist. Wir halten alles filmtechnisch fest und vermarkten es im Anschluss natürlich auch. Wir zeigen das alles, wir sprechen darüber, und ich finde, das ist auch nichts Verwerfliches. Ich finde es einfach eine tolle Idee, weil man so andere Menschen inspirieren kann.

miCARE: Welche Rahmenbedingungen sollten sich allgemein ändern, um den Pflegealltag zu erleichtern?
Adina: Also ich merke das in der Kommunikation mit dem Pflegedienst und der Krankenversicherung. Da ist alles so verschnörkelt geschrieben, dass ich nicht verstehen kann, was die überhaupt von mir wollen. Ich muss dort dann immer extra nochmal anrufen und sagen: „Ich verstehe das nicht, bitte erklären Sie es mir nochmal so, dass ich es verstehe“. Und ich finde eben auch, dass ein Experte, egal, ob es eine Krankenversicherung oder ein Pflegedienst ist, so kommunizieren sollte, dass es auch ein normaler Mensch versteht. Das eben zeichnet für mich einen Experten aus. Es sollten den pflegenden Angehörigen nicht noch Steine in den Weg gelegt werden.
Darüber hinaus finde ich, dass sich das Bewusstsein der Menschen extrem ändern muss. Vor allem in Bezug auf die Wertschätzung der Pflegenden, was insbesondere in der Corona-Pandemie verstärkt deutlich wurde. Ich muss aber auch sagen, dass es mir vor allem auch schon 2018 aufgefallen ist, als meine Mutter gestorben ist. Die Kommunikation auf Augenhöhe fehlt total. Als meine Oma dann damals mit dem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus lag und entlassen wurde, sollte sie dann zwei Tage später wieder ins Krankenhaus fahren, was ungefähr eine halbe Stunde entfernt von ihr ist, um geröntgt zu werden. Ich musste dann als Angehörige nachfragen, ob man das nicht direkt am heutigen Tage machen könnte, anstatt am übernächsten Tag nochmal dorthin zu fahren. Und dieses übergreifende Abteilungsdenken bzw. das Weiterdenken, fehlt mir hier einfach total. Ich finde, man sollte es den Pflegenden so einfach wie möglich machen.
Ein weiterer Punkt ist für mich, dass die gepflegte Person ernst genommen wird, ganz gleich, ob es um das Thema Demenz geht oder um ein anderes. Man sollte der Person zuhören und Empathie zeigen. Ich glaube, da muss noch ganz viel passieren. Natürlich muss man immer erst bei sich selbst anfangen und sich selbst hinterfragen und reflektieren. Das ist dann schon mal ein guter Ansatz. Aber auch die Politik sollte sich noch ganz intensiv damit beschäftigen und das Thema anpacken.
Auch das Thema Verhinderungspflege ist für mich als junger Mensch schon anspruchsvoll und schlecht nachvollziehbar. Ebenso die Neuerung bei den Investitionskosten, wo jetzt monatlich ungefähr 30 Euro an den Pflegedienst gezahlt werden … Dieses Geld reichen wir dann bei der AOK ein und schreiben dann dazu, dass die Versicherung das bitte über den Entlastungsbeitrag abrechnen soll. Also ich verstehe das wirklich nicht. Der Pflegedienst hat mehr Arbeit, ich habe mehr Arbeit. Warum verrechnet man das nicht einfach direkt miteinander?! Dass man für 30 Euro den bürokratischen Aufwand für alle Beteiligten erhöht, kann ich einfach nicht verstehen. Wenn ich mein Geschäft so führen würde, dann könnte ich sofort dichtmachen.

miCARE: Hat die Corona-Pandemie einen Einfluss auf die Pflege deiner Oma?
Adina: Natürlich kam das Pflegepersonal mit Mundschutz und in voller Montur zu uns. Das war vor der Pandemie natürlich nicht der Fall. Vom Menschlichen her ist mir aber nichts aufgefallen. Vom Pflegedienst sind alle super nett und kümmern sich gut. Klar, dass es auch mal Diskussionen darüber gibt, ob jemand geimpft ist oder nicht, aber das war es auch eigentlich schon. Ich glaube aber auch, dass das ganz stark von uns abhängt, da wir das Pflegepersonal sehr wertschätzen und diese Wertschätzung auch nach außen vermitteln. Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es eben auch zurück.

 

Die Interview führte Lisa Rolf (miCARE)

 

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